Ein Zirkus als Zeiteinheit.


An kaum einer anderen Einrichtung lässt sich der Wandel der Zeit in Bezug auf die Denkweise der Menschheit besser ablesen als an einem Zirkus. Zu Zeiten, als Informationen noch nur spärlich verfügbar waren, als man dankbar dafür war, wenn ein Fernreisender in den Ort kam und Geschichten von der großen weiten Welt erzählte, in diesen Zeiten prägte sich der Zirkus als Inbegriff der Freiheit. Ungebundenes Leben, Wandern von einem Ort zum nächsten, Erlebnisse, Heldenmut, Ausleben der Fantasie. All das, wovon sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen unentwegt träumen.

Jetzt könnte man meinen, ich rede hier von der grauen Vorzeit. Damals als die Menschen noch komplett behaart waren und mit der Keule auf Mammutjagd gingen. Aber nein. Wir sollten uns hier einmal vor Augen halten, dass das Telefon erst um 1840 herum erfunden wurde. Ja selbst die Nutzbarmachung der Erkenntnisse über elektrischen Strom, zwingende Grundlage für das Telefonieren, brachen erst richtig in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch.
So gesehen kann man also etwas plastischer behaupten, wir reden über die Zeit in der die Großeltern unserer Großeltern lebten. Und das ist wirklich noch nicht so lange her.

Zirkus_Weisheit_05Hier in meiner Wahlheimatstadt Gernsheim ist gerade im Moment ein Zirkus zu Gast.
Am Kassenwagen steht geschrieben “seit 1824″. Die Gründer dieses Zirkuses stammten also aus genau der eben beschriebenen Zeit. Vermutlich war der Zirkus damals noch um einiges größer, denn viele Dinge, die heute von Maschinen erledigt werden, mussten in dieser Form des Schaustellerdaseins damals durch Muskelkraft und Manpower gestemmt werden.

Was ist übrig geblieben vom Zauber des Zirkus? Das Betrachten des roten Traktors lies ich mich durchaus an das Klischee denkenZirkus_Weisheit_03, dass in jedem Mann auch ein Kind steckt (ich gebe zu, ganz so unwahr ist das ja auch gar nicht 😉 ). Ein paar Schritte weiter steht der rote Sattelschlepper, derzeit mit einem großen Ballen Stroh beladen. Aber die Beschriftung verrät, dass hier normalerweise der Anhänger mit den Großkatzen dran hängt. Und gerade diese sind es, die in letzter Zeit verstärkt für ein ziemlich negatives Medienecho dieser wandernden Live-Vorstellungen sorgen.

Kein Spaß für Tiere” und “artgerecht ist nur die Freiheit“. Mit solchen Parolen demonstrierten gerade erst vor kurzem unzählige Tierschützer vor dem deutlich größeren Zirkus Krone in Berlin. Aber man darf solche Kampagnen definitiv nicht verallgemeinern, immerhin gibt es auch zahllose Hunde und Katzen, die in irgendwelchen Privathaushalten eher vor sich hin vegetieren, als denn ein artgerechtes Leben zu führen.
Umgedreht gibt es mit Sicherheit auch viele Wildtiere, denen es in einem Zirkus oder einem Zoo deutlich besser geht, als es ihnen in der Freiheit jemals gehen könnte. Nein, eine ganz allgemeine Verurteilung irgend eines Betriebes oder das Unterstellen des Fehlverhaltens einzelner auf die ganze Branche, geht nachweislich zu weit.

Nichtsdestotrotz ist es vielleicht an der Zeit, sich die Frage zu stellen, ob nicht das Gewerbe dieser reisenden Athleten mit ihren Tieren langsam aber sicher zu einer aussterbenden Gattung gehört.

Noch vor 100 Jahren war es etwas ganz Besonderes, einem Elefanten oder gar einem Tiger zu begegnen.
Vermeintlich “öffentliche” Tiergärten waren der High-Society vorbehalten; der Normalbürger hatte kaum die Zeit und schon gar kein Geld für solche Besuche. Meistens vor allen Dingen auch ganz andere Sorgen.

Zirkus_Weisheit_06Heute jedoch gehört der regelmäßige Zoo-Besuch bereits zum klassischen Grundschul-Ausflug. Enorm viele Menschen können es sich ohne nennenswerte Probleme leisten, in ferne Länder zu reisen und dort nicht nur diese exotischen Tiere, sondern auch deren natürliches Umfeld zu betrachten.
Und selbst wenn diese Reisen nicht möglich sind, hat unsere alltägliche Berieselung aus dem Fernsehen der Zurschaustellung im Zirkus bereits vorab jeden Zauber genommen. Zumal man gerade im Fernsehen sehr häufig mit Glanzleistungen der Crème de la Crème am anderen Ende der Welt versorgt wird, mit denen verglichen die eigentlich unstreitig sehr gute Leistung des lokalen Zirkus doch eher lapidar anmutet.

 

Aber auch aus anderer Sicht betrachtet muss man sich ein wenig ins Grübeln begeben. So leben wir heute beispielsweise in einer Zeit, in der ein Wurstfabrikant im Interview schon offen und ehrlich die Befürchtung äußert, das Fleischesser vermutlich die “Raucher von morgen” sein werden. Aussätzige. Sonderlinge. Gesellschafts-Exoten. Ewig-Gestrige.

Wie wir alle wissen, ist unsere Gesellschaft derzeit noch weit davon entfernt, das Wissen über die ungesunde Wirkung des Rauchens wirklich allumfassend umzusetzen und nur noch aus Nichtrauchern zu bestehen. Genauso wird es noch sehr, sehr lange dauern, bis das Thema Fleischkonsum soweit in das Bewusstsein der breiten Masse vorgedrungen ist, dass Massentierhaltung und der überdimensionale Mord an Lebewesen, nur um aus diesen gewonnene Produkte später dem Müll zuzuführen, ein fragwürdiges Verhalten darstellt.

Ungeachtet dessen ist es aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dieses sanfte Wachrütteln kann mittelfristig, spätestens jedenfalls langfristig für eine kollektive Umbesinnung sorgen. Die Proteste rund um den Zirkus und die dortige Tierhaltung sind ja nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was sich aktuell in dieser Beziehung tut.Zirkus_Weisheit_07
Gerade letztens erst verfolgte ich mit großem Interesse eine unter anderem von der Giordano-Bruno-Stiftung mitgetragenen Kampagne zur Anerkennung der Menschenrechte auch für Menschenaffen. In unserer heutigen Zeit ist es trotz all des vorhandenen Wissens immer noch unvorstellbar, einem Lebewesen eigene Sinne, ja eventuell gar so etwas, wie eine “Seele” zuzubilligen. Aber es war schon immer der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Die Zeit wird auch hier die richtige Entwicklung bringen.

Ein Blick in die Medien mit ihrer Berichterstattung über all die Konflikte und Kriege, denen sich so unendlich viele Menschen derzeit mit gar nicht beschreibbarem Engagement hingeben, lässt zum einen erkennen, dass die Menschheit vorerst noch weit wichtigere Probleme zu lösen hat, als denn sich um das Wohlergehen einzelner Tiere zu kümmern. Ab und an geht dabei nämlich auch ein bisschen vergessen, dass, während man sich um die Fürsorge einer einzelnen Großkatze kümmert, in nicht gar so großer Entfernung hunderte oder gar tausende von Menschen brutal an einem Leben in Freiheit gehindert, ja gar getötet werden.

Ich selbst werde das schöne Wetter heute für allerlei Dinge nutzen, nur mit Sicherheit nicht dazu, mich in das Zirkuszelt zu setzen.
Den Betreibern dieses Wanderzirkus wünsche ich ein glückliches Händchen für eine erfolgreiche Wahl des richtigen Zeitpunkts zum Abspringen und neu orientieren. Den Ehrgeiz zum Erreichen des 200-jährigen Jubiläums würde ich jedoch an deren Stelle nicht mehr an den Tag legen wollen.

Zirkus_Weisheit_01Andererseits war da noch das Gefühl von Freiheit. Leben auf Wanderschaft. Sehen der großen weiten Welt…

Sollte ich vielleicht gerade etwas Sehnsucht verspüren?

your philosution

 


philosution-music-link: Cirque du Soleil mit “Alegria”

 

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