Wie funktioniert Weihnachten? Lektion 1


Weihnachten, das Fest der Liebe, der Besinnlichkeit und Ruhe. Während meiner Kindheit sah ich das auch noch so, denn Eltern und Familie nutzen ja genau diesen Deckmantel der Feierlichkeit, um dem Nachwuchs ein solch trautes Bild zu vermitteln. Später dann, im Erwachsenendasein, setzte Stück für Stück die nahezu jedermann bekannte Jahresendhektik ein. Je näher die zweieinhalb Feiertage rücken, umso mehr kann man in jedem Einkaufszentrum spüren, was manch ein Spielfilm-Regisseur mit viel Aufwand in seine apokalyptischen Blockbuster einzubauen versucht: absolute Endzeit-Stimmung. Alles rennt, alles flucht.

Weihnachten

Dass ich bei meiner Berufswahl anschließend auch noch gerade das Rechnungswesen ausgesucht habe, setzte alle dem die Krone auf. Welches Datum versetzt einen Buchhalter mehr in Angst und Schrecken, als der 31. Dezember?! Und jedes Jahr aufs Neue steht dieses magische Datum urplötzlich, vollkommen unerwartet und überhaupt nicht zum bislang geleisteten Vorbereitungsstand passend vor der Tür. Ruhe und Besinnlichkeit. Ja, ich habe davon schon mal gehört. Irgendwann.

Was aber hält dann die Magie der Weihnachtszeit am Leben? Wirklich nur die jahrhundertelange Doktrin der christlichen Kirchen? Oder ist es der Glaube an erzwingbare Erholung? An das Kitten von unterjährig verursachten zwischenmenschlichen Schäden durch das exzessive Nutzen des Konsumrauches in der Geschenkeschlacht?

Gerade in diesem Jahr 2014 lässt ein Blick in die alltäglichen Nachrichten den Glauben an die religiösen Grundwerte regelrecht als Hohn erscheinen. Um den halben Erdball wird gemetzelt und gemeuchelt, was das Zeug hält. Vorzugsweise im Namen eines Gottes. Ist das Weihnachten? Muss man vielleicht erst unendliches Leid erschaffen, um sich wieder an kleinen Freuden erbauen zu können? Manch einer der zuvor genannten Spielfilme versucht einem auch dieses glauben zu machen.

Aber vielleicht ist dies auch eine viel zu schwarze Betrachtungsweise. Vielleicht steckt in der herzerwärmenden Ausstrahlung der Adventszeit auch einfach nur der tief in jedem vernünftig denkenden Menschen steckende Traum von einer besseren Welt. Eine Welt, in der Nächstenliebe nicht nur ein im Duden aus vergangenen Zeiten noch aufgeführtes Wort auf einer schon lange nicht mehr aufgeschlagenen Seite darstellt. Gibt es das noch? Wirkliche Weihnachten? Wie sollen die aussehen?

WeihnachtsmarktGestern Abend war ich in Begleitung zweier netter Damen auf einem durchaus romantisch gestalteten Weihnachtsmarkt im Hessenpark im Taunus. Während mich auf den „normalen“ Weihnachtsmärkten die Kommerzialisierung, also das Distanzieren von Kleinhandwerkskunst hin zu industrieller Supermarktware, ziemlich abschreckt, ist auf diesem Weihnachtsmarkt dem ausrichtenden Rewe-Konzern die Verbindung von Weihnachtsmarkt und Verkaufsveranstaltung wirklich gut gelungen. Die wunderbare Kulisse der Fachwerkhäuser aus unterschiedlichsten Epochen der hessischen Landen verstärkt den Eindruck dann nochmals.

Neben zahlreichen Kunsthandwerks-Ausstellern und Anbietern kulinarischer Köstlichkeiten haben auch die Zulieferer-Unternehmen von Rewe die Möglichkeit auf diesem Markt einen Stand zu betreiben. So kommt es, dass man im Ambiente eines Weihnachtsmarktes quasi einen Lagerverkauf der großen Hersteller, wie beispielsweise Müller, Schwälbchen, Milka oder auch Zentis heran kommt. Für überschaubare Beträge gehen da tütenweise richtige beträchtliche Warenberge über die Theke. Wenn man dann, wie wir drei eher durch Zufall, erst in den Abendstunden des letzten Markttages dort aufschlägt, kommt es noch einmal zu einer ordentlichen Rabattierung der Angebote. Denn alles, was nicht verkauft wurde, muss wieder ins Lager zurück geschleppt werden. Und gerade aufgerissene Großpackungen können im Großhandel ohnehin nicht mehr weiter verwendet werden, wandern also schlimmstenfalls in die Mülltonne.

Eine meiner gestrigen Begleiterinnen hat ein richtiges Händchen zum Verhandeln von Einkaufspreisen. Wo auch immer sie zuschlug, schob sie die Frage nach einem kleinen Zusatz hinterher. Sie tat das in einer solch freundlichen und angenehmen Art, dass es wirklich nur den kaltherzigsten und abgebrühtesten Verkäufern gelang, wirklich nichts zusätzlich in die Einkaufstüte zu packen. Ich gebe zu, dass ich die Frau irgendwann mit einem Schmunzeln darum bat, den Einkauf am nächsten Stand für mich zu übernehmen, denn dabei kommt einfach deutlich mehr heraus, als wenn ich das selbst versuche. Wieder und wieder brachte sie dieses Kunststück des Schaffens eines Einkaufsmehrwertes fertig, ohne dass es seitens der Verkäufer wirklich zu einem Murren kam. Die Freude, mit der die Frau einkaufte, sprang direkt auch die Menschen über, mit denen sie es als Verkäufer zu tun hatte. Man spürte regelrecht das wirklich ausgelebte Weihnachtsgefühl.

Aber was hat mein Weihnachtsmarkt-Erlebnis denn nun mit meiner ursprünglichen Frage zu tun, wie denn Weihnachten funktioniert? Die Frau überraschte mich nicht nur durch ihr unschlagbares Talent im Einkauf, sondern an dem Abend gleich noch ein zweites Mal. Und das auf eine so einfache Art und Weise, dass es mir beinahe peinlich war, nicht selbst auf solch einen Gedanken gekommen zu sein.

Sie hat einen gewissen Betrag für eine gewisse Menge Schokolade ausgegeben. Dank ihres Talentes hat sie deutlich mehr Schokolade dabei heraus geschlagen. Aber eigentlich war ihr die ursprünglich gekaufte Menge ja vollkommen genug. Was tut sie also? Sie verschenkt die eine oder andere Packung an Menschen, die an diesem Abend ihren Dienst tun, ohne eine Möglichkeit zum Genießen der abendlichen Adventszeit zu haben. Spätestens als sie auch noch dem Fahrer des Shuttlebusses zu unserem Auto eine Packung Schokopralinen in die Hand drückte, war ich tief beeindruckt und begann zu begreifen: genau so und nicht anders funktioniert Weihnachten!Hessenpark1

Warum bekommen das nur manche Menschen hin? Warum fällt es manchen leicht und anderen nicht? Warum braucht der eine oder andere von außen einen Schubs, um auf die Idee zu kommen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich ein bisschen was aus den von mir gestern gekauften Tüten durchaus nicht nur meinem eigenen Magen zuführen werde. Einfach so. Es ist Weihnachten. Leben wir es auch aus!

Eine schöne Adventszeit für alle Leser

your philosution

 

 

Heute gibt es zum Anlass passend keinen Musik-Link, sondern eine Werbeeinblendung:  REWE wünscht frohe Weihnachten  😉

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