Investitionen ins Alter sind zwecklos. Oder?


Der Wecker klingelt, ich schlage die Bettdecke zurück und will mit jugendlichem Schwung die Füße aus den Federn schwingen. Es bleibt jedoch erst einmal beim Versuch. Ein Knacken in der Hüftgegend und ein mächtiges Ziehen von der Schulter den Rücken hinunter erinnert mich schmerzhaft daran, dass das mit dem „jugendlich“ doch leider schon einige Zeit her ist. Schnaufend sitze ich dann endlich auf der Bettkante und sinniere vor mich hin, was denn von uns einmal bleiben wird. Was waren mir früher alles für Dinge wichtig. Wie konnten mir zentrale Werte – wie beispielsweise die Gesundheit – nur so selbstverständlich, ja fast schon gleichgültig sein. Und wie sehr haben sich die Ansichten doch im Laufe des Älterwerdens verschoben.

Gegen das Älterwerden ist noch kein Kraut gewachsen. Gegen das Einrosten des Körpers kann und sollte man jedoch durchaus etwas tun. Also stärke ich mich erst einmal mit einem gut bestrichenen Nutellabrot (Zucker ist bekanntlich wichtig – immerhin handelt es sich um die ersten Glückshormone des Tages, nicht?) und ziehe mir anschließend meine Laufschuhe an.
Raus an die Natur! Die Sonne strahlt, die Vögel zwitschern. Da fallen auch die sonst immer sehr schweren ersten 100 Meter deutlich leichter. Sobald ein Sturzbach an Schweißperlen an der Stirn hinab läuft, ist der innere Schweinehund besiegt. Ab dann wird Strecke gemacht.

Unterwegs begegnet mir eine Gruppe kleiner Kinder, begleitet von drei Frauen. Beim Näherkommen erkenne ich darunter meine frühere Nachbarin, von Beruf Erzieherin und tätig in einem der Kindergärten in meinem Wahlheimatsort. Unwillkürlich muss ich lächeln, als ich das Gewimmel der kleinen Menschen da sehe.
Vor jedem dieser Kinder liegt noch eine ganz individuelle Zukunft. Und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit werden auch fast alle diese Kinder in etwa vierzig Jahren morgens aufstehen wollen und feststellen, dass sie langsam alt werden.

Was werden sie wohl bis dahin alles erleben? Welche Schlüsse ziehen sie aus den Erlebnissen? Was denken diese Kinder wohl gerade in dem Moment, in dem sie zuschauen, wie so ein nass geschwitzter Typ beim Vorbeilaufen kurz ein paar scherzende Worte mit ihrer Begleitung wechselt? Sehen mich diese Zwerge vielleicht schon als das, was mir mein erstes Gefühl heute früh deutlich machte: als alten Mann? Viele solcher Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich meine Schritte wieder beschleunige und keuchend auf den nächsten Feldweg abbiege. Schritt um Schritt bringen mich meine Beine vorwärts. Der Kopf kann dabei im Standby bleiben, zumindest, solange ich die Geschwindigkeit nicht erhöhe. Eine perfekte Gelegenheit, um an das Sinnieren des Morgens anzuschließen.

KindergardenCopDrei Erzieherinnen. Weit wahrscheinlicher nur zwei Erzieherinnen und eine Mutter, die diese Gruppe Kinder eben begleitete. Wie viele Kinder werden es wohl gewesen sein? Fünfzehn? Eher zwanzig. Wie individuell kann eine Begleitperson da auf die Belange des einzelnen Kindes noch eingehen? Und je nach Veranlagung der Kinder, wie anstrengend muss solch ein Ausflug wohl für das Begleitpersonal sein? Könnte ich das? Spontan fange ich an zu lachen, als mir Szenen aus dem Film „Kindergarten-Cop“ mit Arnold Schwarzenegger durch den Kopf gehen.

Aber auch die Erinnerung an eine Unterhaltung im Familienkreise am gestrigen Abend kommt mir wieder ins Bewusstsein. Ich tauschte mich da mit einer Frau aus, die eine kleine Eltern-Protestaktion zum Kita-Streik publik machte. Naja, genauer gesagt versuchte sie, durch das Bekanntmachen der Aktion dafür zu sorgen, dass es eben keine „kleine“ Protestaktion bleibt.

Dürfen wir nicht mehr in den Kindergarten, weil wir böse waren?„Gebt den Erziehern einfach die geforderte Gehaltserhöhung, damit es weiter geht. Die Eltern müssen die Zeche am Ende ohnehin bezahlen.“ Dies ist eine der Feststellungen, unter deren Motto die Protestaktion gehalten werden soll. Ganz klar abgegrenzt weder als Unterstützung von Verdi und auch nicht als Verurteilung der Streik-Aktivität gedacht. Sondern einfach nur als Darstellung der Sichtweise der betroffenen Eltern. Ein interessanter Ansatz auf jeden Fall, aus dem sich im Laufe des Abends ein reger Schriftwechsel zwischen der Frau und mir entwickelte.

Jetzt ist meine Tochter nun schon lange aus dem Kita-Alter draußen. Aber der Streikgrund beschäftigt mich dennoch, denn es ist eben nicht einfach nur die Forderung nach mehr Geld, die die Erzieherinnen und deren seltenes männliches Pendant dazu bringt, ihre Arbeitsleistung zu verweigern. Es geht um die Anerkennung der Tätigkeit. Um die Wertigkeit der Arbeit mit dem Nachwuchs, die sich in der Allgemeinheit breit gemacht hat. Und damit wird dann auch ein Bereich angeschnitten, um den ich mir tatsächlich bereits einige Gedanken gemacht habe, nämlich die Ausbildung unserer nachfolgenden Generationen. Was im aktuellen Fall für die Kita-Mitarbeiter gilt, lässt sich vollkommen gleichlautend auf die Lehrer übertragen.

Es ist wahrlich noch nicht so lange her, dass der Berufsstand des Lehrers in der Gesellschaft ein sehr hohes Ansehen genoss. Als Respekts- und Autoritätsperson auf gleicher Höhe betrachtet, wie beispielsweise Ärzte und Ingenieure. Was ist aber dann geschehen? Wieso wird man heutzutage mit Hochachtung betrachtet, wenn man sich als Investmentbroker oder Aktienfonds-Makler vorstellt, wohingegen in der breiten Masse für den Beruf des Lehrers im besten Falle nur ein mitfühlendes Lächeln übrig ist? Gerade die zuerst genannten Finanzmittel-Jongleure haben im den vergangenen Jahrzehnt für eine Katastrophe nach der nächsten gesorgt. Wohingegen der zweite Berufsstand  für unsere einzige wirklich existierende Zukunftsinvestition zuständig ist: unsere Kinder.

Wer wird denn in der Zukunft als Manager oder auch Politiker die Geschicke unserer Gesellschaft steuern? Oder einfacher ausgedrückt, wer wird denn unsere Rente verdienen, wenn wir selbst dazu nicht mehr in der Lage sind? Doch nur die Menschen, die über ein ausreichendes Maß an Erziehung und Bildung verfügen. Eben die Menschen, die wir heute und morgen als Kinder erleben.

Aber was geben wir diesen Kindern denn mit auf den Weg in die Zukunft? Sparmaßnahmen. Personalnot. Mangelnde Aufmerksamkeit und Zuwendung. Eine ganz breite Palette an Geringschätzung.

Den kleinen Kindern, die mir heute auf dem Feld begegnet sind, ist dies noch nicht bewusst. Aber wenn es ihnen später bewusst wird, ist es für eine Besserung der Situation zu spät.

Nichts bringt mehr Ertrag, als eine Investition in Wissen. Nur lassen sich diese Zinsen leider nicht in Prozenten messen. Und vor allen Dingen wird der Ertrag erst sichtbar, wenn die Entscheider zum Umdenken schon lange nicht mehr in Amt und Würden weilen. Es ist also ein Prozess erforderlich, der sich so rein überhaupt nicht mit unserer heutigen Schnelllebigkeit vereinbaren lässt. Etwas als junger Mensch tun, damit man im Alter davon zehren kann, ist schon ziemlich aus der Mode gekommen. Einen Zustand herbeiführen, von dem man selbst vielleicht gar nicht mehr profitieren kann, sondern nur die Generationen danach, hat rein überhaupt keine Basis in der Denke der heutigen Menschheit.

Ist das vielleicht das späte Erbe der goldenen 68er? Die vorgebliche unbegrenzte Freiheit? Das Aberkennen von Autorität in den althergebrachten Vorbildern? Die Leichtigkeit des Seins, die sich aus der Wirtschaftswunder-Epoche ergab? Es ist müßig, nach den Ursachen zu suchen. Denn ob das Erkennen der Ursprünge dieser Entwicklung wirklich dabei hilft, diese Entwicklung zu stoppen, darf bezweifelt werden.

Unbestreitbarer Fakt ist jedoch, dass wir aktuell mit unserer Zukunftsabsicherung spielen. Ein Konflikt lässt sich nicht lösen, indem man dem anderen die Spielzeugschaufel über die Rübe zieht. Die eigenständige Suche nach tauglicheren Umgangsformen ist etwas, das im sozialen Umgang miteinander erlernt werden muss. Von Kindesbeinen an. Sowohl im Elternhaus von einer Generation an die nächste, als auch unter verschiedenartigen Gleichaltrigen in einem gesellschaftlichen Umgang. Dieser muss fachmännisch und vorbildlich moderiert werden. Eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe, die einer ordentlichen Wertschätzung bedarf. Eine Wertschätzung, die sich in unserer heutigen, rein materialistisch geprägten Zeit vornehmlich in Form des Einkommens ausdrückt.

TinkaFBMir fehlte leider die Möglichkeit, die erwähnte Elterninitiative persönlich zu besuchen. Aber ich glaube auch, dass die aktuellen Aktionen erst den Beginn einer neuen Ära einläuten. Es ist an der Zeit, manch gewachsene Struktur neu zu überdenken. Unser aller Zukunft beginnt heute. Wir können sie steuern. Indem wir denen das passende Rüstzeug mitgeben, die sie gestalten.

Ich denke, auch auf dieses Thema werde ich gelegentlich noch das eine oder andere Mal zurück kommen…

Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Tag mit ein bisschen Zeit zum Sinnieren. Es lohnt sich!

 

your philosution

 


Welcher Song passt zum Wandel des Bildungssystems wohl besser, als „Another Brick In The Wall“ von Pink Floyd?

 

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