Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen. 1


Urlaub. Ich brauche dringend Urlaub, sonst laufe ich Gefahr, irgendwann demnächst an irgendeinem Bahnhof einen Schreikrampf zu bekommen. Bei der Deutschen Bahn und deren streckenmonoplistischen Mitbewerbern kann man sich inzwischen eigentlich nur noch auf eins verlassen: es klappt rein gar nichts. So sollte gerade heute mein von Buchholz kommender Metronom neun Minuten vor der Abfahrtszeit des anschließenden Intercitys in Hamburg-Harburg ankommen. Mehr als ausreichend Zeit, um mit meinem umfangreichen Gepäck von einem Gleis die Treppe hoch und auf dem daneben liegenden Gleis die Treppe wieder runter zu kommen. Dumm nur, dass in Buchholz auf dem Einfahrtsgleis ein Zug stand, als der Metronom hätte kommen sollen. Was zur Folge hatte, dass mein Zug schon mit Verspätung einfuhr. Okay, dachte ich mir, wenn ich statt der neun Minuten zum Umsteigen nur fünf haben sollte, ist die Welt auch noch in Ordnung.Metronom

Während ich meinen tonnenschweren Trolley in den Zug wuchte kommt jedoch schon die Durchsage aus dem Bordlautsprecher „…aufgrund einer Überholung verzögert sich unsere Abfahrt um wenige Minuten. Wir bitten dies zu entschuldigen.“ Nein, dachte ich mir, dieser Bitte komme ich nicht nach. Wie viel sind „wenige Minuten“? Also machte ich mich auf zum Schaffner, im korrekten Sprachgebrauch Zugbegleiter genannt. Die Blitze in meinen Augen brachten den Mann dazu, gar nicht erst nach irgendwelchen Argumenten und Standardfloskeln zu suchen, sondern er versprach mir prompt, „ich kümmere mich darum“.

Ein junger Mann dunklerer Hautfarbe, der neben uns stand und den Dialog verfolgte, senkte schmunzelnd den Kopf, als der Schaffner die Treppe neben uns hinauf zu seinem Durchsage-Verschlag stieg. Ich suchte den Blick des Mannes und brummte mehr zu mir selbst, „ich bin ja mal gespannt“. Der Mensch konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen und konterte mit einem „Na, da wünsche ich Ihnen viel Glück!“. Ich war verdutzt, das gebe ich zu. Und im gleichen Moment fragte ich mich dann aber auch schon wieder, warum eigentlich. Womit hatte ich gerechnet? Auf jeden Fall nicht damit, dass ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe und krausen Locken völlig akzentfreies Hochdeutsch spricht. Mir war das Schubladendenken, mit dem man allzu schnell die Menschen um einen herum mit Vorurteilen belegt, zugegebenermaßen in diesem Moment äußerst peinlich. Vielleicht ist es auch der mir zwischenzeitlich schon zur Normalität gewordene Anblick zahlloser Ausländer auf allen Bahnhöfen, die ein babylonisches Sprachwirrwarr mit sich bringen, der mich beim Anblick dieses Mannes bestenfalls an ein Ghettoblaster auf der Schulter und eine Ausdrucksweise im Rap-Stil hat denken lassen.

Bevor ich mich weiter in Gedanken verlieren konnte, machte sich der Zugbegleiter lautstark mit einer Durchsage bemerkbar. Unsere Verspätung beträgt zur Zeit vierzehn Minuten und über die Anschlusszüge im nächsten Bahnhof Harburg liegen im noch keine Informationen vor. Sobald er genauere Daten erhält, wird er diese umgehend weitergeben. Die App der Deutschen Bahn auf meinem Smartphone brachte mir einen kleinen Informationsvorsprung. Fünf Minuten Verspätung hat der Zug, der mich nach Frankfurt bringen sollte, inzwischen auch schon. Neun Minuten ursprüngliche Distanz plus fünf Minuten Verspätung wäre eine glatte Punktlandung. Vielleicht kann der Schaffner dem Intercity Bescheid geben, dass die Abfahrt um ein Minütchen raus gezögert wird, während der Metronom-Lokführer weiterhin dermaßen Gas gibt, dass er die Verspätung um eine Minute reduziert… Ich wagte ein wenig Optimismus, als ich die Unterhaltung zu meinem farbigen Streckenkollegen wieder aufnahm: „wird arg knapp, aber es könnte klappten“. Die letzte Silbe war noch nicht ganz über meine Lippen, als wir uns urplötzlich hilfesuchend an den nächstbesten Möglichkeiten festklammern mussten, weil der Lokführer mit aller Gewalt in die Eisen ging.

„Unsere Einfahrt in den Bahnhof Hamburg-Harburg verzögert sich um wenige Minuten, da der vor uns liegende Gleisabschnitt noch belegt ist“. So teilte es uns der Lautsprecher über unserem Kopf mit. Der Schaffner lies mich anschließend jedoch nicht im Unklaren und setzte seine Ansage gleich mit den Worten fort, „es tut uns leid, aber der Intercity nach Stuttgart über Frankfurt am Main Hauptbahnhof wird nicht mehr erreicht“. In mir stieg eine Welle des Zorns auf, in dessen Wallung ich dem Schaffner Unrecht tat, weil ich ihm vorwarf, er täte gut daran, mit dieser Nachricht nicht persönlich zu mir gekommen zu sein. So aus sicherer Distanz über das Durchsagesystem des Zuges musste er sich den eventuell sprudelnden Vorwürfen nicht stellen. Aber natürlich war mir klar, dass ich in diesem Moment ziemlich egoistisch dachte, denn höchstwahrscheinlich war ich nicht der einzige, der diesen Anschlusszug zu erreichen gehofft hatte.

Ich versuchte, die kurze Zeit bis zum endgültigen Halt im Bahnhof dazu zu nutzen, meiner App die Information zu entlocken, ob es sinnvoller ist, eine Alternative Verbindung von Harburg aus zu suchen oder besser bis zur Endstation Hamburger Hauptbahnhof im Zug zu bleiben und von dort aus nach Frankfurt aufzubrechen. Was mir der kleine Bildschirm anzeigte, war ernüchternd. Die nächsten Direkt-Verbindungen lagen allesamt eine Stunde und mehr in der Zukunft, egal von welchem Startbahnhof aus. Es gab ein paar Alternativen, bei denen ich in Hannover den Zug hätte wechseln müssen, aber die wurden schon mit dem kleinen roten Warndreieck und dem Hinweis, dass der Anschlusszug eventuell nicht erreicht werden kann, angezeigt. Ein Pokerspiel also, bei dem ich Gefahr laufen konnte, stundenlang in Hannover auf dem Bahnhof zu stranden.

Einspurige Bahnlinie im MorgennebelKalt und zugig sind alle Bahnhöfe. Da ist es ziemlich Jacke wie Hose, wo man denn sinnlos seine Zeit tot schlägt, bis endlich der nächste Zug kommt, auf den man aufspringen kann. Also stieg ich mit hängenden Schultern in Harburg aus und machte mich auf den Weg zum Servicepoint der Deutschen Bahn. Wenn ich denn jetzt nicht wie geplant mit dem Intercity, sondern mit einem ICE fahren musste, brauchte ich ein Upgrade für mein Zugticket. Wobei ich tief in mir drin eigentlich fast schon Lust auf einen Streit mit dem Schaffner hätte, denn ich würde ja nicht freiwillig mit dem ICE fahren. Der auf der Strecke Hamburg-Frankfurt zeitlich ohnehin keinen Unterschied macht. Einzig der Luxus einer Steckdose am Sitzplatz ist die über zwanzig Euro Aufpreis absolut nicht wert. Den Servicepoint fand ich recht schnell. Ich musste mich nur nach der Menschentraube orientieren, die da wartend im Bahnhofsgebäude stand. Ein Blick nach drinnen zeigte mir, dass von den vier oder fünf vorgesehenen Schalter gerade mal ein einziger besetzt war. Mit einem Blick auf die Schlange der Menschen, die allesamt der Frau von der Bahn den Arbeitstag versüßen wollten, wurde mir klar, dass ich in der Zeit auch bis nach Frankfurt gelaufen wäre, die es dauern wird, hier dran zu kommen.

Also wanderte meine Hand erneut in die Tasche zum Handy. Ich musste schmunzeln, als ich mich dabei erwischte, dass mein erster Blick aufs Display sorgenvoll auf die Akkustandsanzeige fiel. Zuwenig Saft auf der Technik ist laut einem Posting, das ich hin und wieder auf Facebook finde, die größte Sorge der Jugend von heute. Ich fühlte mich gleich um einige Jahre jünger, denn diese Sorge teilte ich im Moment mit all den Teenagern. Was nutzt mir ein Handy-Ticket auf einem leeren Handy? Vielleicht sollte ich doch irgendwann einmal über die Anschaffung einer Powerbank nachdenken. Oder werde ich langsam paranoid? Nennen wir es einfach mal „mit der Zeit gehen“.

Der „DB Navigator“, wie die App ja vielversprechend heißt, half mir auch nicht weiter. Exakt eine Stunde später fährt der nächste IC vom gleichen Gleis ab, wie der, den ich verpasst habe. Dieses Mal nicht mit Zielbahnhof Stuttgart, sondern Karlsruhe. Aber so weit will ich ja gar nicht mit. Hauptsache, der Zug stoppt kurz am Frankfurter Hauptbahnhof. Schon ärgerlich genug, dass ich eine Stunde später nach Hause komme, als eigentlich geplant.

Die Bahnsteige der deutschen Bahnhöfe sind leider nur sehr mangelhaft mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Ich vermute, das geht auf den leider immer wieder festzustellenden Vandalismus zurück. Was gar nicht erst da ist, kann auch keiner kaputt machen. Andererseits sorgt das Nicht-Vorhandensein durchaus auch noch für ein wenig noch schlechtere Laune bei den Wartenden. Was sicherlich die Randalierbereitschaft nicht gerade reduziert. Warum man nicht ein paar einfache Betonquader oder andere zerstörungssichere Erhebungen aufstellen kann, werde ich wohl nie verstehen. Aber genauso verschlossen bleiben mir die Denkprozesse von Menschen, die ihren Testosteronhaushalt nur durch das Zerstören von Gemeingut unter Kontrolle halten können. Gerade in der aktuellen Zeit scheint es ja wieder einmal richtig in Mode zu kommen, Polizeifahrzeuge, Ämter, Wohnheime und allerlei andere Dinge heimtückisch, anonym und feige kaputt zu machen. Es gibt Menschen, die sind auf so einen Müll am Ende stolz. Naja, bekanntlich gibt es sehr unterschiedliche Menschen.

Ich sinniere so vor mich hin, während mein Blick suchend nach einem Sitzplatz über die wartenden Menschenmassen wandert. Ich muss an mein Erlebnis im Zug vor ein paar Minuten denken, als ich die ganzen fremdländig aussehenden Menschen betrachte. Völlig unübersehbar handelt es sich bei den Wartenden hier mehrheitlich nicht um von mir falsch eingeschätzte in Deutschland geborene Menschen mit Migrationshintergrund, wie man das so schön nennt. Nein, die Mischung aus Erschöpfung, Furcht, einem Anflug von Verzweiflung, ja, auch ein wenig Resignation, die ich auf den zahlreichen Gesichtern ablesen kann, lassen nur einen Schluss zu: hier habe ich es mit einer Menschengruppe zu tun, über die sich die Medien aktuell zerreißen. Hier sind jede Menge Flüchtlinge auf der Suche nach dem nächsten zu gehenden Schritt. Menschen, die tausende von Kilometer von ihrer Heimat entfernt im Moment einfach erst einmal nur eins suchen: einen Halt und etwas Stabilität im Leben. Mehr als die Wäsche am Körper und drei Habseligkeiten in einem kleinen Koffer besitzen die meisten ja nicht. Plus das obligatorische Telefon in den Händen der meisten. Erneut muss ich an meine eigenen Gedanken von vor ein paar Minuten denken. Was wäre ich heute ohne den handtellergroßen Computer in meiner Tasche, mit dem man nebenbei auch gelegentlich telefonieren kann?

Man sieht mir meinen Frust und die Wut über die Deutsche Bahn vermutlich noch im Gesicht an, daher gehen mir die meisten der Menschen aus dem Weg. Irgendwann kühle ich dann jedoch endlich ein bisschen ab und beginne mich mit meinem naheliegenden Bedürfnis auseinander zu setzen: Hunger. In den ersten Morgenstunden habe ich mir eine Schüssel Müsli zubereitet und diese in den Rucksack gestopft. Seitdem war ich dann aber nur noch am Laufen. Jetzt, wo etwas Ruhe einkehrt – wenn auch nicht die eigentlich gewollte Ruhe des rollenden Zuges – meldet sich das kleine Loch hinter dem Bauchnabel wieder zu Wort. Die Tupperschüssel befindet sich zwar in ungefähr gleicher Körperhöhe auf meinem Rücken, aber um deren Inhalt in meinen Magen zu transferieren, muss ich mich irgendwo sesshaft niederlassen. Und Zeit für eine Essenspause habe ich ja leider weit mehr, als mir lieb ist.

Während ich dann vor einem Aufzug stehe, der mich zu einem anderen Gleis bringen soll, spricht mich ein Mann in schwer gebrochenen Deutsch an. Er hält mir einen leicht zerknitterten Ausdruck unter die Nase, den ich auf den zweiten Blick als Zugticket erkenne. Nach Celle soll er fahren. Hier in Harburg in den entsprechenden Metronom umsteigen, so kann ich es auf dem Zettel lesen. Gleis 3 steht da. Ja, von Gleis 3 kam ich ja eben. Da fährt auch ein anderer IC ab, zu dem ich ursprünglich freudestrahlend gelaufen war. Bis ich einerseits lesen konnte, dass auch der 15 Minuten Verspätung hat und andererseits den Grund erkannte, warum meine App mir diesen Zug gar nicht erst vorgeschlagen hat. Er hält durchaus auch in Frankfurt am Main. Aber irgendwann kurz vor Mitternacht. Denn auf dem Weg dahin stoppt der Zug an wahrhaftig jeder Kuhglocke, an der er vorbei kommt. Ich habe daher an diesen Zug einen Haken und mich wieder in Richtung meines Wartegleises auf gemacht.

Der Metronom, auf den der Flüchtling zu warten hatte, und auch noch eine Regionalbahn, die ebenfalls verspätet war, sollten allesamt mit diesem eben erwähnten Intercity an diesem Gleis 3 abfahren. Nur dank der konfusen Verspätungen in einer nicht mehr näher zu erkennenden Reihenfolge. In der Zeit, in der ich mich mit dem Mann unterhielt, kam über unseren Köpfen auch die Durchsage, mit den anstehenden Zugabfahrten auf diesem Gleis. Man musste jedoch schon genau wissen, worauf man hören sollte, um aus dem knarrenden Lautsprechergeflüster bei den ganzen Umgebungsgeräuschen noch eine Information filtern zu können. Ich versicherte dem ziemlich fragend schauenden Mann mehrfach, er möge an diesem Bahnsteig weiterhin warten, denn hier wird auch sein Zug noch kommen. Sein Blick verriet mir, dass er sich nicht sicher war, ob er mir Glauben schenken kann oder ich ihn einfach nur abwimmeln möchte. Also gab ich mir beste Mühe nicht nur mit Worten, von denen ich annahm, dass er bestenfalls nur jedes vierte verstand, sondern auch mit dem Fingerzeig auf die Worte auf seiner Fahrkarte und der Anzeige über dem Bahnsteig deutlich zu machen, dass er richtig ist.

Irgendwann nickte er. Und ich wandte mich mit dem guten Gefühl, geholfen zu haben, wieder meinem Aufzug zu und machte mich auf den Weg zu „meinem“ Gleis Nummer 5. Während ich mit dem gläsernen Aufzug nach oben fuhr, wanderten meine Gedanken zu einem Urlaub in Griechenland. Wie viele Jahre ist es her, dass ich mit meiner damaligen Freundin nach Chalkidiki geflogen war? Und warum musste ich da genau jetzt dran denken? Vermutlich, weil ich die Frau gerade vor ein paar Tagen mit der Bitte angeschrieben hatte, sie möge nach alten Fotos von mir suchen. Bei einer gerade laufenden Challenge auf Facebook wurde ich nominiert, fünf Tage lang Bilder von mir zu posten, die älter als 15 Jahre sind. Auf meiner eigenen Festplatte geht nichts so weit in die Vergangenheit zurück, daher muss ich mir Input von außen holen, um mich der lustigen Aufgabe zu stellen. Vielleicht waren es aber auch nur die ganzen Urlaubs-Werbe-Plakate, mit denen so ziemlich jeder Bahnhof und Flughafen zugepflastert ist. Ich verscheuchte die Erinnerungen aus meinem Schädel, wuchtete meinen Trolley hoch und trabte mit dem Gewicht im Arm die Treppe zum Bahnsteig hinunter. Warum hatte ich denn auch unbedingt meinen Werkzeugkasten mit einpacken müssen.

Bahnsteige wollen kein Ende nehmen, wenn man sie entlang läuft. Eine Erfahrung, die man genauso wiederkehrend machen darf, wie die Tatsache, dass man sich immer genau am falschen Ende des Bahnsteigs befindet. Irgendwann habe ich auf jeden Fall eine der Hämorriden-fördernden Metallgitter-Sitzbänke gefunden, auf der noch ein Plätzchen frei war. Mit dem hingelegten Trolley vor mir als Tischersatz machte ich mich ans Umrühren meines schon etwas braun gewordenen Müslis und schlürfte Löffel für Löffel darauf achtend, nicht gar so viel für die Tauben auf dem Boden zu verteilen. Mein Blick wanderte dabei über das mir gegenüberliegende Gleis 4 zu den hinter der Bahnhofshalle meinem Blick verborgenen Menschen am Gleis 3. Und in dem Moment fiel bei mir der Groschen. Ich zückte einmal mehr mein Handy und startete Wikipedia. Was meinen Verdacht sofort bestätigte.

View from sea of Xenofontos monastery at mount Athos greece

Damals während des Griechenland-Aufenthaltes haben wir uns auch einen Tag lang ein Auto ausgeliehen und haben ein bisschen die touristisch erschlossenen Gebiete verlassen, um uns das Landesinnere genauer anzuschauen. Ich kann mich noch erinnern, als sei es gestern gewesen. Ein Dutzend Autos auf dem Hof der Autovermietung. Drei Viertel davon Suzuki Jeeps und andere offene Geländewagen mit schicken verchromten Rohren auf der Ladefläche. Aber nein, ich habe meine Freundin damals davon überzeugt, den einzigen geschlossenen Wagen mit Klimaanlage zu nehmen. Ein silberner Seat Toledo. Hätte mir doch nur irgendeiner eine Warnung bezüglich der griechischen Straßen gegeben. Oder genauer gesagt, der nicht näher markierten Pisten, die unsere Landkarte als „Straße“ ausgewiesen hat. Ich war trotz der Klimaanlage im Laufe des Tages mehrfach klatschnass geschwitzt. Dafür aber am Abend auch ein bisschen stolz wie ein Spanier, als ich den Wagen tatsächlich am Stück und ohne nennenswerte Schäden zurück gegeben habe. Nur aus allen Ritzen rieselte Sand. Ich verstand dann auf jeden Fall, warum die Autovermietung so viele Geländehopser im Angebot hatte.

Aber nicht die Straßenverhältnisse waren es, die sich in meinen Erinnerungen bemerkbar gemacht haben, sondern die Schilder. Insbesondere auf den steinigen Hügellandschaften war es absolut nicht zu erkennen, was Straße und was Feld daneben sein sollte. Man hat sich immer nur daran orientiert, dass irgendwo am Horizont ein Mast mit ein paar Schildern den Anhaltspunkt gab, in welche Richtung es weiter gehen könnte. Und genau diese Schilder waren es, die mir vorhin durch den Sinn gegangen sind. Denn während auf den ständig von Touristen genutzten Wegen die Wegweiser immer zweisprachig aufgemacht waren, hatten wir es da draußen rein mit den kyrillischen Schriftzeichen zu tun. Glücklicherweise standen beide Schreibweisen untereinander in unserer Landkarte. Aber dennoch war es mühsam, Zeichen für Zeichen zu vergleichen, denn auch im Griechischen gibt es unterschiedliche Schriftarten und verschiedene Formen der Verschnörkelung von Buchstaben. Zudem waren die altersschwachen Schilder teilweise auch schon etwas durch die Verwitterung unleserlich geworden. Die Einheimischen, die hier entlang kamen, brauchten keine Schilder; die wussten wo sie hin wollen.

Tja, Wikipedia lies mich nun also wissen, dass „Syrisch“ keineswegs die Landessprache in Syrien ist. Ich tippte bei der Herkunft des Flüchtlings, der mich angesprochen hatte, einfach mal auf dieses Land. Nein, in Syrien wird Arabisch gesprochen und geschrieben. Und wie schreibt man arabisch? Nicht im geringsten mit dem bei uns geläufigen Alphabet. Dem guten Mann vorhin die Anzeigentafeln zu zeigen war also so sinnvoll, wie wenn ich in ägyptischen Pyramiden die Hieroglyphen zu lesen versuchte. Er konnte den Ort „Celle“ aussprechen, in den er musste. Aber er konnte das Wort „Celle“ nicht im geringsten lesen. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht bei dem Gedanken, ihm doch nicht so sehr geholfen zu haben, wie ich es glaubte zu tun. Nun, ich hoffe, er hat trotzdem am Bahnsteig ausgeharrt. Inzwischen müsste er längst im schon abgefahrenen Zug sitzen.

Zeltlager_kleinWas wird ihn in Celle erwarten? Freunde? Verwandte? Ein Auffanglager? Lauter wildfremde Menschen? Hunderte Betten ohne jede Privatsphäre in einer Turnhalle nebeneinander aufgereiht? Ein Zeltlager, in dem die Feuchtigkeit vom Boden und die Kälte durch die Planen kriecht? Da ich an ständig wechselnden Arbeitsplätzen tätig bin, habe ich mir selbst ein Leben im Wohnwagen angewöhnt. Aber als Single lässt es sich alleine in solch einem mobilen Heim aushalten. Wie sähe es aus, wenn ich die wenigen Quadratmeter mit zahlreichen Menschen teilen müsste? Viele meiner Bekannten können sich nicht einmal meinen derzeitigen Lebensstil vorstellen. Morgens aufstehen bei Außentemperatur? Waschbecken und Toilette nur mit Fußmarsch durch Kälte und Regen zu erreichen? Das Klo mit anderen Menschen teilen? Nein, das geht ja gar nicht. So die Aussagen, mit denen ich immer wieder unisono konfrontiert werde. Diese Menschen, die heute als Flüchtlinge zu uns kommen, haben mit Sicherheit die gleichen Empfindungen. Aber keine andere Wahl. Ja, nicht einmal eine Perspektive.

Vor ein paar Wochen wartete ich in Hamburg am Hauptbahnhof am späten Abend auf meinen Metronom, der mich in die Nähe des Campingplatzes bringen sollte, auf dem ich für die Dauer meines Arbeitseinsatzes in der Hansestadt zuhause war. Irgendwann lief eine junge Frau in gelber Warnweste an mir vorbei, die einen handbeschriebenen Karton vor sich hielt. ‚Flüchtlingshilfe‘ stand da drauf. Und irgendwelche Zeichen unten drunter. Ich nehme an, genau der gleiche Begriff in arabischer Sprache. Eine hübsche Blondine, die ich dem Alter nach eher in den letzten Schuljahren als denn schon im Studium einsortiert hätte. Und deren Blick und schneller Gang vor allen Dingen eins verrieten: nackte Angst. Ich gehe nicht davon aus, dass sie Angst vor den Flüchtlingen hatte – von denen es zu der Zeit zumindest auf diesem Bahnsteig auch keinen gab. Ich befürchte eher, dass es die Vertreter unserer eigenen Nationalität sind, die mit 1.000 Volt im Oberarm, aber null Licht in der Birne eine Atmosphäre des Schreckens zu verbreiten versuchen. Einige Schritte hinter dem Mädchen lief jedoch noch eine zweite Warnweste. Ein Mann mittleren Alters mit gutmütigem Gesichtsausdruck, aber locker einen Kopf größer als ich bei entsprechend angepasster Körpermasse. Kein Mensch, mit dem man mutwillig einen Streit vom Zaun bricht. Ich dachte so bei mir, die Angst der Frau ist unbegründet. Aber wirklich sicher kann ich mir da eigentlich nicht sein.

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich im warmen Zug, der mich von meiner Arbeit nach Hause bringt. Wie jeden anderen Bürger dieses Landes auch, plagen mich ein paar Alltagssorgen. Aber kann ich mir die Sorgen eines aus seiner gewohnten Umgebung gerissenen Menschen wirklich vorstellen? Restlos heimatlos. Zuhause nicht willkommen – sofern von diesem „Zuhause“ überhaupt noch irgendetwas übrig ist. Und in der Fremde auch nicht wirklich willkommen, da die Gastgeber befürchten, von ihrem mühsam im Laufe der Jahrzehnte aufgebauten Wohlstand etwas abgeben zu müssen. Und wer gibt schon gerne etwas wieder her?

ISoldat_kleinn die Politik im Großen will ich hier und jetzt aber gar nicht einsteigen. Denn da müsste man vielleicht zu allererst einmal analysieren, wer denn die großen Gewinner in diesem Spiel sein könnten. Die Waffenlobby und Rüstungsindustrie vielleicht? Ohne Frage geht es zu allererst einmal ums Geld. Nein, um dieses Thema anzukratzen ist meine Zugfahrt nicht lang genug. Heute ist es mir wichtiger, mit dem kleinen Bericht über eine Lebenserfahrung das Bewusstsein für eine Geste zu sensibilisieren, deren Bedeutung man in den nächsten Monaten und Jahren gar nicht genug Aufmerksamkeit widmen kann: der Integration dieser Menschen in unseren großen Kreis von ansässigen Menschen.

Der erste Schritt ist das Herstellen einer Kommunikationsmöglichkeit. Ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht arabisch lernen, um diese Lücke zu schließen. Aber ich kann doch mit dem neu erworbenen Wissen ein bisschen besser dabei helfen, dass der nächste Mensch, der mich um Hilfe bittet, etwas leichter in die deutsche Sprache hinein findet. Ein simpler Kugelschreiber griffbereit in meiner Tasche und schon ist in dem unübersichtlichen Zeichengewirr auf dem Zettel die Position hervorgehoben, auf die es zu achten gilt. Mag sein, dass zur Kommunikation ganz erheblich der Einsatz von Händen und Füßen erforderlich sein wird. Aber mit einem Lachen zwischendurch und ein bisschen Geduld ist diese Hürde bestimmt zu nehmen.

Und vielleicht werden irgendwann auch die selbsternannten Patrioten ihre Aggressionen nicht mehr an denen auslassen, von denen sie ohnehin keine Gegenwehr zu erwarten haben, sondern Druck auf die richtigen Stellen ausüben, von denen tatkräftig etwas unternommen werden könnte, damit es erst gar nicht zu einer Flucht all dieser Menschen kommen müsste. Wer nur allein einmal einen Blick in Wikipedia zum Suchbegriff „Flüchtlingskrise“ geworfen hat, wird sich selbst ohne weiteres Medienstudium schon die Frage stellen, warum denn weltweit die ganzen angeblich ach so mächtigen Industriestaaten dieses Treiben einfach billigen. Ist schon alleine auffällig, dass diese Fragestellung in den Medien nicht weiter Erwähnung findet. Wie man doch mit ein wenig Effektheischerei leicht den Fokus verschieben kann…

Schade, dass in unserer aufgeklärten Zeit der multikulturelle Zusammenhalt doch immer noch nur in Sience-Fiction-Filmen zu funWell known hand signal from a TV seriesktionieren scheint. Aber es liegt an uns, da etwas dran zu ändern. Lasst uns damit anfangen!

your life. your philosution.

 


Der passende philosution-music-link ist hier selbstredend die Erinnerung daran, dass wir alle auf dem selben Globus leben: We are the World, hier in der USA für Afrika-Fassung.


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Ein Gedanke zu “Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.

  • Tinka

    Vielen Dank für diesen Bericht über Deine Gedanken und Deine Reise. Oder Reisegedanken.

    Es ist derzeit sehr schwer, als ‚Gutmensch‘ einem ‚besorgtem Bürger‘ gegenüber zu stehen oder auf Facebook von solchen Leuten die Postings mit panikschürendem Inhalt zu lesen.

    Da bleibt mir nur, diese Menschen zu bloggen, virtuell und auch live. Denn mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es unseren ‚ besorgten Bürgern‘ an Empathie und Hirnkapazität mangelt. Und ich sehe mich nicht in der Lage, dies in Diskussionen ‚aufzufüllen‘.
    Als hilfsbereiter Mensch ist es mir grundsätzlich egal, woher ein hilfesuchender Mensch stammt. Ich versuche zu helfen. Mit kleinen und großen Taten.